„Mama, ich hab Blumen für dich!“, jauchzt die kleine Abigal , während sie großen Schrittes nach Hause läuft. Sie muss noch mehrere Ebenen durchqueren, ehe sie ihr Heim erblickt. Sie steigt emsig die wenigen Treppenstufen hinauf, die Tür zum Heim in Reichweite. In ihren kurzen Armen hält sie einen Blumenstrauß, den sie kaum mit ihren beiden Händen zu fassen kriegt. Vor der Tür stehend, sieht sie sich dem Problem gegenübergestellt, dass sie keine Hand frei hat. Ungelenk versucht sie, den Türgriff zu fassen, dabei fallen ihr ein paar Blumen aus dem Arm. „Mama!“, ruft sie noch einmal kräftiger, während sie weiter versucht, die Tür zu öffnen, und… schlussendlich gelingt es ihr.

Mit ihren feuerroten Haaren späht sie durch den Türspalt und erblickt ihre beiden Eltern, streitend. „Wie stellst du dir das vor, einfach wegzuziehen?“, ihre Mutter steht von ihrem Vater weggedreht, verzweifelt unbegeistert von den Plänen ihres Mannes. Lefron kämpft um ihr Verständnis: „Versteh doch Adelle, hier ist es nicht sicher. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Koroner eine Grenzregion wie unsere angreifen. Wir müssen näher an die Hauptkrone ziehen.“ Adelle atmet tief durch, um die Geduld für dieses Gespräch aufzufinden. Sie streicht über ihren dicken Babybauch. „Aber jetzt? Wie kommst du plötzlich auf diesen Gedanken? Hat dir Valdir wieder Flausen in den Kopf gesetzt?“ Lefron schüttelt den Kopf: „Valdir hat damit nichts zu tun. Ich möchte doch nur das Beste für unsere Familie. Ich möchte, dass wir sicher Leben. Du weißt doch, was man über die Koronerangriffe erzählt.“ Adelle hält inne.

Der Gedanke an all die schauerlichen Geschichten über Koroner lässt sie erschauern. Sie sollen ganze Dörfer erbarmungslos vernichten. Ein zutiefst beunruhigender Gedanke. Während sie den Blick schweifen lässt, fällt ihr auf, dass Abigal in der Tür steht.

Mit großen, beunruhigten Augen starrt Abigal ihre Mutter an und spricht, beinahe flüsternd: „Mama… sag… warum streitet ihr?“ Adelle stampft zu Abigal, fasst ihr an die Schultern und redet sanft: „Es ist alles in Ordnung, Liebes.“ Etwas sprachlos sucht sie nach einer Ablenkung und findet sie prompt: „Ach, das ist aber ein schöner Strauß.“ Stolz strahlt Abigal über beide Ohren. „Den hab‘ ich für dich gepflückt!“, ruft sie, „wenn ich groß bin, werde ich wie du sein, Mama. Ich werde die schönsten Blumensträuße verkaufen!“ Berührt von dieser naiven Niedlichkeit nimmt Adelle die Blumen entgegen. „Ja, dieser besondere Strauß bekommt einen Ehrenplatz in unserer Floristei.“ – „Aber der ist nicht zum Verkauf!“, mahnt Abigal mit ernster Miene, die Hände in die Hüfte gestemmt.

Nach einem langen Tag, nachdem Abigal gebettet wurde, setzen sich Lefron und Adelle zusammen, um die Auseinandersetzung fortzuführen. Aber auch jetzt ist das Gespräch nicht leichter zu einem guten Ende zu bringen. Adelle besteht aus verschiedenen Gründen darauf zu bleiben; es war seit Generationen ihre Heimat, die Floristei ihr Lebensgrund. Doch Lefron appelliert weiter an sie, wegzuziehen. Adelle hält es für eine übereilte Idee. Auch wenn Adelle alles andere als überzeugt ist, einigen sie sich darauf, nach der Geburt des Babys fortzugehen. Lefron entscheidet sich, eher loszuziehen und sich bereits um Wohnraum und einen neuen Lebensgrund zu kümmern.

Schon kurze Zeit nach diesem Gespräch macht sich Lefron auf den Weg. Der Abschied fällt allen schwer, aber der Gedanke, dass er nur für kurze Zeit währt, besänftigt auch Abigal. Noch einmal knuddelt sie ihren Vater fest, bevor er den Balkon verlässt und die Treppen hinunter in den Wald schreitet.

Die Zeit, bis Claire geboren wird, verfliegt sehr schnell. Abigal schließt ihre Schwester direkt ins Herz. Und eines Morgens ist es so weit: während Abigal noch ihren Brei isst, hört sie die erfreulichen Worte: „Papa soll heute nach Hause kommen.“ Mit vollem Mund, grinsend über beide Ohren antwortet Abigal: „Fuper! Fann kann er ja enflich Flaire fennen lernen!“ Dann schluckt sie den Rest eifrig runter und ruft: „Wie ich ihn vermisst habe!“ Liebevoll mahnend erhebt Adelle ihren Zeigefinger und erklärt: „Das bedeutet aber auch, dass wir unseren Ableger bald verlassen werden.“ Das trübt Abigals Stimmung nicht in geringster Weise. Sie freut sich einfach, ihren Papa bald wieder zu sehen. „Am besten, du nutzt den Tag heute, um dich von allen zu verabschieden“, mahnt Adelle. Abigal zieht eine traurige Miene: „Werden wir denn alle nie wieder sehen? Meine Freunde, Oma, Onkel Holf?“ – „Doch natürlich, wir werden sie bestimmt irgendwann besuchen kommen“, beschwichtigt Adelle. „Trotzdem, ich denke, du wirst sie alle sehr vermissen, wenn wir umgezogen sind.“

Und so macht sich Abigal auf den Weg, sich von allen zu verabschieden. Sie spielt eine ausgiebige Runde mit ihren Freunden, fragt Onkel Holf Löcher in den Bauch und genießt mit ihrer Oma den Nachmittagstee. Und dann kommt sie erschöpft nach Hause.

Adelle ist in der Kochnische stark beschäftigt, ganz erschöpft trifft sie die letzten Vorbereitungen, um Lefron heute Abend mit einem üppigen Mahl zu verwöhnen. „Mama, wie lange dauert es noch bis Papa nach Hause kommt?“ – „Er müsste jeden Moment da sein“, entgegnet sie. Die kleine Baby-Claire macht auf sich aufmerksam. „Abigal, kannst du bitte mal nach Claire gucken?“, fragt sie. Und Abigal übernimmt dies liebend gern. Sie geht vorsichtig zu ihrer Schwester und deckt sie sanft zu, erklärt ihrer Mutter: „Claire hat ihre Decke weggestrampelt, ich habe sie jetzt zugedeckt.“ Dann haucht sie ihrer kleinen Schwester einen Kuss: „Ich habe dich lieb, Schwesterchen.“

Just in diesem Moment knallt die Tür auf, zwei Fremde in Eisenrüstung stehen plötzlich im Wohnraum. „Hallöchen“, knurren sie. Abigal sieht, wie ihre Mutter vor diesen Männern erstarrt. Sie wird von ihnen direkt in eine Ecke gedrängt. „Habt erbarmen! Ich bin nur eine einfache Mutter!“, ruft sie flehentlich. Doch von Empathie fehlt jede Spur. Der schmalere Mann greift sie an der Kehle und zischt: „Sind wir für unsere Nächstenliebe bekannt? Euresgleichen auszurotten ist eine Ehrbare Aufgabe für mich.“ Auch Abigal ist erstarrt, krallt sich an der Wiege fest und flüstert: „Mama…“ Adelle wendet ihre Augen in Abigals Richtung, wohlwissend, dass dies ihr letzter Augenblick ist. Aus letzter Kraft, kaum Hörbar haucht sie: „Lauf weg!“

Abigal ergreift die Panik. Sie schnappt sich reflexartig ihre Schwester und rennt nach hinten in den Verkaufsraum der Floristei. Verzweifelt entschließt sie sich dazu, sich unter einer hohlen Treppe zu verstecken. „He, ich hab dich gleich, du kleiner Parasit!“, tönt es aus dem Wohnraum. Das kann sie inzwischen kaum mehr hören, denn auch aus dem Rest ihres Ablegers ertönen Rufe, Schreie, Schläge, Knalle. Abigal sitzt derweil kauernd unter der Treppe, ihre Schwester fest umklammert. Sie fängt an, still, aber herzhaft zu weinen, leise murmelt sie: „Mama… Papa…“ Während sie sich noch fester an ihre Schwester kuschelt. Wie sehr wünscht sie sich jetzt den Rat oder die Anweisung eines Erwachsenen. Wie sehr wünscht sie sich jetzt die Liebe und Sicherheit ihrer Eltern. Mit Mama haben die Männer bestimmt schlimmes gemacht, da ist sie sich sicher. Was werden diese Männer mit ihr machen, wenn sie sie finden? Panik steigt in ihr auf und sie kriegt das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Ihr Herz schlägt ihr bis in die Schläfe, und dann wird ihr schwarz vor Augen.

In der Nacht, als alle Schreie verstummt sind, kommt sie wieder zu Bewusstsein. Als erstes nimmt sie die Wärme und den Geruch von Qualm war, und dann spürt sie, wie etwas an ihren Haaren zieht; es ist ihre kleine Schwester, die, ganz hungrig wie sie ist, an Abigals Haaren nuckelt. In einer anderen Situation hätte Abigal über den Anblick lachen müssen; es sieht aus, als würde Claire die Haare genüsslich wie Spagetti schlürfen. Vorsichtig zieht sie die Haare aus Claires Mund heraus. Das findet die Kleine aber gar nicht witzig und fängt prompt an zu meckern. Schnell hält ihr Abigal ihren Ringfinger hin, und Claire gibt sich zufrieden. Diesen Trick kannte sie von ihrer Mutter.

Noch einmal horcht Abigal genau hin, ob sie die bösen Männer in der Nähe wähnen sollte, aber sie hört keine Lebenszeichen mehr. Sie entschließt sich, mit ihrer Schwester im Arm unter der Treppe hervorzukriechen, doch mit dem Anblick, der sich ihr bietet, hat sie nicht gerechnet: Von der Dunkelheit der Nacht ist nichts zu spüren; alles was ihr lieb und teuer war, steht in Flammen und erleuchtet die Gegend lichterloh.

Einige wenige Dorfbewohner sind dabei, die Flammen zu löschen und die Leichen zu beseitigen. Trostlos und still geht das vonstatten. Die Gefahr ist zwar vorüber, aber übrig bleibt nichts als Schutt und Asche. Und Leichen, viele Leichen. Abigal will garnicht so genau hinsehen, wer da liegt und wie er aussieht. Ihr stockt der Atem und Tränen steigen wieder in ihr auf. Noch während sie so starr steht, fasst ihr jemand an die rechte Schulter.

Für einen Moment bleibt ihr Herz stehen, dann fasst sie Mut und dreht sich um. Es ist ihr Vater, die Augen verquollen. Er fällt auf die Knie und umschließt sie und Claire mit seinen Armen und sie weinen bitterlich. Noch in dieser Nacht bereiten Sie ihre Reise in ihre neue Heimat, den Trajasableger vor. Sie füttern Claire, packen sich Proviant ein und nehmen von ihren wenigen Habseligkeiten mit, was noch zu retten ist. Onkel Holfs Riesenmeerschwein Maru nehmen sie auch mit- denn er ist nirgends aufzufinden und er hätte es so gewollt. Sie bepacken Maru, blicken noch einmal wehmütig um sich und machen sich erschöpft auf, zum Trajasableger; bei guten Bedingungen ist dieser zwei Tagesmärsche entfernt. Zum Morgengrauen meldet sich Claire mit großem Hunger wieder. Da Abigal auch schon mehr über den Boden schlurft als läuft entschließen sie sich, Rast zu machen. Während Abigal ein paar Decken auf dem Waldboden ausbreitet um sich schlafen zu legen, bereitet Lefron ein Lagerfeuer, um Wasser abzukochen. Es ist genug für eine kleine Suppe. Aber bevor er anfängt, Wurzelgemüse und Kräuter in das kochende Wasser zu schnippeln, tut er einen Becher von dem Wasser ab und vermischt diesen mit Zucker und lässt ihn abkühlen.

Über einen Messinglöffel reicht Lefron seiner kleinen Tochter das inzwischen Körperwarme Zuckerwasser. Etwas besseres als Zuckerwasser konnten sie leider nicht auftreiben. Bis zu ihrer neuen Heimat sollte das gehen, und dort findet sich hoffentlich bald eine Amme, um den kleinen Säugling zu stillen.

Lefron schaut sich die Idylle an. Es wirkt wie ein ganz normaler Morgen. Sie sind bereits weit genug entfernt, um den Qualm nicht mehr wahrzunehmen. Die Vögel singen wohlgemut, die Tiere des Waldes gehen ihren Geschäften nach, die Sonne scheint wie eh und je. Es fühlt sich fast an wie ein Familienausflug. Und doch ist alles ganz anders, denn seine geliebte Frau ist tot.

Als er den Ableger von weitem sah, wirkte alles noch normal. Wie er sich gefreut hat, seine Frau in die Arme zu schließen, wie er sich darauf gefreut hat, allen von der neuen Heimat zu erzählen. Und wie sehr er sich darauf gefreut hat, sein neues Kind kennen zu lernen.

Er bekam genau mit, wann der Angriff begann; den konnte er schon von weitem hören. Ungläubig und doch panisch nahm er die Beine in die Hand, um so schnell wie möglich zu seiner Familie zu gelangen. Leider war Lefron nah genug, um Schreie und Schüsse zu hören aber zu weit entfernt, um einzugreifen. Erschöpft kam er beim Ableger an, schlich sich vorbei an Koronern in seine Floristei und fand seine Frau tot auf dem Boden liegend, neben der Kinderwiege auf. Trotz der zugefügten Verletzungen war sie so schön wie eh und je. Es zerriss ihm das Herz. Von seinen Kindern war keine Spur. Alles war zerstört und Flammen drohten, die Floristei zu zerstören.

Lefron ist gerade rechtzeitig da gewesen, um das Feuer am Ausbreiten zu hindern. Der Wasserkanal, der über seine Ebene Floss, war ihm dabei eine große Hilfe. Dann hebte er die verstreuten Blumen auf und schmückte damit die Leiche seiner Frau. Er hockte sich neben sie und streichelte dem kalten Leichnam über die Wange. Ihm war egal, ob die Koroner ihn erwischen oder nicht; sein Lebensinhalt war ihm genommen worden. Er nahm sich alle Zeit, die er brauchte, um sich von Adelle und gedanklich auch von Abigal und seinem Säugling zu verabschieden.

Dann begann er, die Bestattung vorzubereiten. Er hüllte seine Frau in ein fein gewebtes Tuch und trug sie, lange nachdem die Schreie am Ableger verstummten zur Bestattungsstätte; ein nahes gelegenes, umbautes Moor. Lefron war hier nicht der einzige. Still und bedrückt trugen einige Menschen des Ablegers eine Leiche nach der anderen an diesen Ort. Gemeinsam seilten sie Leichnam für Leichnam in das Moor. Als er, geschultert mit Adelles Körper, nähertrat, erkannte er seinen Freund Valdir, der fest an der Stätte stand und bei der Bestattung der unzähligen Verstorbenen half.

Als sich ihre Augen trafen, blickten sie sich einen Moment mit ernster Miene an. Valdir sah Lefron mitleidig an. Das reichte, damit Lefron die tränen runter kullerten. „Ich kam zu spät!“, hauchte er erschöpft. Valdir umarmte seinen Kumpel kurz, aber fest und begann dann damit, Adelle in das Moor herabzulassen. „Es ist nicht deine Schuld“, murmelte Valdir überzeugt, aber immer noch gedankenverloren, „wo sind deine Kinder?“ Lefron entgegnete hilflos: „Ich weiß nicht. Hat sie irgendjemand gesehen?“ – „Unter den Toten sind sie bisher nicht gewesen.“ Lefron kam ins Grübeln, während Adelles Körper langsam im Moor versank. „Ich gehe besser noch einmal zur Floristei, vielleicht finde ich dort einen Hinweis darauf, wo ich sie finden kann.“ Bevor Lefron gehen konnte, packte Valdir ihn am Arm, wusste darauf aber nicht, was er sagen soll. Sie umarmten sich noch einmal fest, und ihre Wege trennten sich wortlos.

Lefron machte sich nicht viel Hoffnung, als er im Wohnbereich stand. Er schaute sich noch einmal die Wiege an und bedauerte, dass er sein neugeborenes niemals in Armen halten wird. Dann betrat er die Floristei und suchte nach irgendeinem nützlichen Hinweis über den Verbleib seiner Kinder- was er genau suchte, wusste er selbst nicht. Er wollte gerade wieder gehen, als er in seinem Augenwinkel erahnte, dass sich etwas unter der Treppe regte. Ein kleiner Rotschopf kroch hervor und starrte von ihm weg in das Verderben, das sich ihnen bot. Und hatte es etwa ein kleines Bündel im Arm?

Lefron ist so dankbar, dass wenigstens seine beiden Kinder überlebt haben. Wie hat es Abigal geschafft, den Koronern zu entkommen? Es konnte nur ein Wunder gewesen sein. Und nun Rasten sie hier, auf dem Weg zum Trajasableger. Es fühlt sich alles unecht an.

Abigal ist indes eingeschlafen und hat einen lebhaften Schlaf. Auch Claire ist wieder satt. Lefron entschließt sich, die Suppe zu kochen und dann auch selbst ein Schläfchen zu wagen, essen kann man auch später.

Ungestört tanken sie diesen Vormittag die nötige Kraft, um ihre Reise fortzusetzen. Ihre Reise verläuft ereignislos. Je weiter sie sich vom Geschehen entfernen, umso mehr erholen sie sich auch von ihrem Erlebten. Sie werden gesprächiger und Lefron erzählt davon, dass sie am Trajasableger ihren Lebensgrund in der Haltung eines Gasthauses haben werden. Dieses wurde bisher von einer netten Frau geführt, die es inzwischen, bedingt durch ihr Alter nicht mehr alleine schafft. Jeder wird dort ein eigenes Zimmer haben, sogar Claire. Abigal ist so aufgeregt bei der Vorstellung, dass sie fast vergisst, was passiert ist.